Zeus und Europa
Die bekannteste Stier-Sage stammt aus der griechischen Mythologie. Zeus verliebte sich in Europa, die Tochter eines phönizischen Königs. Um sich ihr zu nähern, verwandelte er sich in einen prächtigen weißen Stier und mischte sich unter die Herde ihres Vaters am Meeresufer.
Europa war von dem sanften Tier so angetan, dass sie es streichelte, mit Blumen schmückte und schließlich auf seinen Rücken stieg. In diesem Moment lief der Stier ins Meer und schwamm mit ihr bis nach Kreta. Dort wurde sie die Mutter mehrerer Söhne des Zeus, unter ihnen der spätere König Minos.
Der römische Dichter Ovid hat diese Geschichte in seinen Metamorphosen erzählt, und sie wurde über Jahrhunderte immer wieder gemalt. Einer verbreiteten Deutung nach erinnert das Sternbild Stier an diesen verwandelten Zeus.
Die Sage hat auch eine Fortsetzung: Auf Kreta spielt der Stier noch einmal eine wichtige Rolle. Nach der Überlieferung brachte die Frau des Minos den Minotauros zur Welt, ein Wesen halb Mensch, halb Stier, das im berühmten Labyrinth eingeschlossen wurde, bis der Held Theseus es besiegte.
Apis, der heilige Stier Ägyptens
Auch im alten Ägypten spielte der Stier eine wichtige Rolle. In Memphis wurde der Apis-Stier verehrt, ein lebendes Tier, das als Erscheinungsform des Gottes Ptah galt. Er musste an bestimmten Merkmalen erkennbar sein, zum Beispiel an einem weißen Fleck auf der Stirn bei sonst dunklem Fell.
Der Apis lebte in einem eigenen Heiligtum und wurde mit großem Aufwand versorgt. Starb er, trauerte das Land, und das Tier wurde einbalsamiert und feierlich bestattet. Viele dieser Stiere ruhen im Serapeum von Sakkara, einer unterirdischen Grabanlage mit gewaltigen Steinsarkophagen.
Später verband man Apis mit Osiris, dem Gott des Jenseits. Aus dieser Verbindung entstand in griechisch-römischer Zeit der Gott Serapis, der weit über Ägypten hinaus verehrt wurde.
Der Himmelsstier im Gilgamesch-Epos
Eine der ältesten überlieferten Dichtungen der Welt stammt aus Mesopotamien: das Gilgamesch-Epos. Darin weist der König Gilgamesch die Liebe der Göttin Ischtar zurück. Gekränkt bittet sie ihren Vater, den Himmelsgott Anu, ihr den Himmelsstier zu überlassen, um Gilgamesch zu bestrafen.
Der gewaltige Stier richtet in der Stadt Uruk großen Schaden an. Gilgamesch und sein Freund Enkidu stellen sich ihm jedoch entgegen und töten ihn. Für die Götter ist das ein Frevel, und so beschließen sie, dass Enkidu sterben muss. Sein Tod wird zum Wendepunkt des Epos und treibt Gilgamesch auf die Suche nach dem ewigen Leben.
Der Stier im Tierkreis
Das Sternbild Stier gehört zu den ältesten bekannten Sternbildern überhaupt. Schon die Babylonier sahen in dieser Sterngruppe einen Himmelsstier. Die Griechen übernahmen das Bild, und der Gelehrte Ptolemäus führte es in seinem astronomischen Hauptwerk, dem Almagest, unter den Sternbildern des Tierkreises auf.
Zu den auffälligsten Himmelsobjekten im Stier gehören der helle Stern Aldebaran sowie die Sternhaufen der Hyaden und Plejaden. Die Plejaden, auch Siebengestirn genannt, waren in vielen Kulturen ein wichtiger Kalendermarker.
Wichtig zu wissen: Das astrologische Tierkreiszeichen Stier und das gleichnamige Sternbild sind nicht dasselbe. Wegen der langsamen Kreiselbewegung der Erdachse, der Präzession, stimmen die Zeichen heute nicht mehr mit den Sternbildern überein, nach denen sie einst benannt wurden.
Trotzdem verbindet beide eine lange gemeinsame Geschichte. Die Bilder, die Menschen vor sehr langer Zeit in den Himmel projizierten, leben in den Tierkreiszeichen bis heute weiter, und mit ihnen die Erzählungen von Kraft, Verwandlung und göttlicher Macht.
Häufige Fragen
Warum heißt das Sternzeichen Stier?
Es ist nach dem Sternbild Stier benannt, das schon in Mesopotamien als Himmelsstier bekannt war und später in den griechischen Tierkreis einging.
Welcher Gott verwandelte sich in einen Stier?
In der griechischen Mythologie war es Zeus, der als weißer Stier die Königstochter Europa nach Kreta entführte.
Was ist das Serapeum von Sakkara?
Eine unterirdische Grabanlage in Ägypten, in der die heiligen Apis-Stiere in großen Steinsarkophagen bestattet wurden.
Widder
Stier
Zwillinge
Krebs
Löwe
Jungfrau
Waage
Skorpion
Schütze
Steinbock
Wassermann
Fische